
Rhythmen im Zeichen der Freundschaft
Paulina Reents
Als die ersten Klänge der Jazz Rockets durch die altehrwürdigen Wände der Bremerhavener Kneipe hallen, ist die Magie, die in der Luft liegt, sofort spürbar – eine Mischung aus jahrzehntelanger Freundschaft, musikalischer Exzellenz und dem unvergänglichen Geist der 70er und 80er Jahre.
Regentropfen rinnen über den trüben Glaseinsatz der knarzenden Tür. Der forstgrüne Lack platzt marode an Ecken und Kanten ab. „Rassisten werden hier nicht bedient!“ und „Premium Beer – best in town – served here!“, springt es einem entgegen. Was sich hinter Tür und Angel befindet, ist das „Café de Fiets“, eine Szenekneipe, die seit 1994 versteckt in der „Alten Bürger“, Bremerhavens Kultur- und Feiermeile, liegt.
Der muffige Geruch, der das „Fiets“ umhüllt und an feuchtes Holz, süße Bierfässer und Tabakaromen erinnert, lässt auf das Alter des Gemäuers schließen. Wohnzimmerähnlich gibt es hier Sofas, Stühle und Sessel unterschiedlichster Formen. Fröhliche Lichtmandalas einer Diskokugel tanzen über den Teppichboden, Pflanzenranken sprießen aus Kübeln und Hängetöpfen, eine vergessene „Happy 30th Birthday“-Girlande staubt über den Tischen vor sich hin. Ein einstiges Postfahrrad – „Fiets“ bedeutet Fahrrad auf niederländisch – parkt dekorativ auf der üppigen Fensterbank. Das Seestadt-Lokal macht zwar erst um 19 Uhr auf, die Stars des heutigen Abends tummeln sich hier jedoch schon zwei Stunden vorher.
Die „Stars“, das sind Mike, Joachim, Terry, Matthias und Yevgeniy; in ihrer Heimatstadt Bremerhaven besser als die „Jazz Rockets“ bekannt. Die Gruppe, die seit 2018 besteht, spielt hauptsächlich Eigenkompositionen im „elektro-akustischen-Jazz-Rock-Pop-Stil“, wie Keyboarder Mike beschreibt. Die Komponisten der Band sind Joachim, genannt Fuzzy, und Mike. Beide haben jahrelange Erfahrungen in der Branche und bezeichnen sich als Vollblut-Musiker. Nach fast 50 Jahren Freundschaft sind die beiden aufeinander eingespielt. „Eigene Musik zu haben, macht unglaublich viel Spaß. Die Songs gehören dann 100% zu einem selbst, das ist das Faszinierende“, schwärmt Mike. „Cover-Songs machen ja alle – aber das kommt nicht so von Herzen, wie ein eigenes Stück“, pflichtet Gitarrist Fuzzy bei.
Vor dem Auftritt um 21 Uhr ist viel zu tun. Zwischen Kabelsalaten und Gaffa-Tape rücken die „Jungs“ ihre Instrumente auf der Bühne hin und her, bis alles am rechten Platz steht. Das große Schlagzeug im Hintergrund, Bass und Gitarre jeweils links und rechts, davor Mike’s Zwei-Etagen- Keyboard, in der Mitte bleibt ein kleiner Raum für Yevgeniy, den Saxofonisten und Nina – eine Sängerin, die heute als Ehrengast für einige Songs dazukommt.
Obwohl die Band behauptet, schon lange nicht mehr an Lampenfieber zu leiden, liegt doch eine gewisse Anspannung in der Luft. Plötzlich rauscht ein spitzes Pfeifen über die Bühne. Mike und Fuzzy, die in organisatorischen Fragen oft unterschiedlicher Meinung sind, tauschen ein Augenrollen aus. Die Erklärung für das unangenehme Geräusch: eine ungewollte Rückkopplung der verschiedenen Anlagen. „Fuzzys Verstärker ist noch aus den 80er Jahren“, murmelt der technikaffine Mike und verlässt die Bühne. Matthias, der Bassist, philosophiert: „Eine Band ist wie eine Beziehung: mal streitet man sich, dann verträgt man sich wieder. Am Ende des Tages brauchen wir einander“. Mike ist indes hinter die Theke geflitzt und zapft sich ein Bier. Marita, Die Inhaberin des „Fiets“, vertraut den Jungs vor Auftritten ihren ganzen Laden, samt Schlüsselbund, an – Selbstbedienung beim Bierfass inklusive. Solche Vorteile verschaffen jahrzehntelange Bekanntschaft und ein freundschaftliches Vertrauen.
Der Soundcheck geht weiter. Noch eine Stunde, bis es losgeht. Schlagzeuger Terry Joe, der die Band vor Jahren zusammentrommelte, lässt seine Sticks über sein Übungspad wirbeln. Fuzzy tut sich noch schwer mit dem „Warmmachen“: „Hier drinnen ist es zu kalt!“, beschwert er sich und beginnt mit Fingerübungen. Matthias schlendert gelassen durchs Lokal und zupft die ersten schwingenden Töne auf seinem Bass. Nina, die Gastsängerin, bummelt summend, brummend, singend umher – so bereitet sich jeder vor.
Punkt 21 Uhr. Das „Fiets“ ist mittlerweile voll besetzt und in rauschend guter Laune. Die Jazz Rockets sind in den Startlöchern, die Show kann beginnen. Doch einer fehlt. „Wir bitten Terry auf die Bühne“, lacht der Keyboarder nun schon zum zweiten Mal ins Mikrofon. Seit einer halben Stunde hat niemand den Drummer gesehen. Um 21:05 öffnet sich plötzlich die Tür der WC-Anlage – der Schlagzeuger stürmt mit Kleiderhülle im Arm durch den Laden, legt sie ab und hetzt hinter die Becken und Trommeln. Das Publikum feuert ihn an. „Damit hat er wohl nicht gerechnet!“, scherzt Mike erneut. Die Menschen lachen, die Stimmung stimmt. „One, two, three, four“, zählt Terry an und ist sofort wieder Profi.
Die Coversongs mit Nina kommen ebenso gut an – sie interpretiert Hits wie „Valerie“ von Amy Winehouse oder Bill Withers‘ Evergreen „Ain’t No Sunshine“. Eigene Stücke aus dem letzten Album der Jazzer, das den Titel „Friendship“ trägt, regen die Leute zum Tanzen an. Lara und Hannes, 19 und 21 Jahre jung, genießen diese Art von Livemusik, auch wenn sie ihre Einflüsse aus einem anderen Zeitalter nimmt. „Jazz und Soul haben diese improvisierte Freiheit, die uns einfach mitreißt“, schwärmt Lara. Der 53-jährigen Nicole geht es genauso: „Der Zeitgeist spricht mich total an und erinnert mich an meine Jugend. Da bekommt man wieder Lust zu tanzen!“.
Auch Yevgeniy entlockt der Menge Applaus und Jubelrufe. Die Melodien fließen nur so aus seinem Saxofon und transportieren „unvergleichliche Emotionen“, so beschreibt es seine Frau, die im Publikum steht. Der gebürtige Ukrainer floh erst vor knapp über einem Jahr mit seiner Familie aus seinem zerbombten Heimatland. Durch Livesessions im Café de Fiets lernten die Jazz Rockets den Profi-Saxofonisten kennen und wollten ihn sofort für ihre Band. „Yevgeniy ist genau das, was uns noch gefehlt hat“, erklärt Terry. Mit den Jazz Rockets hat auch er mehr als nur eine musikalische Beschäftigung gefunden; es sei ein Gefühl der Freundschaft, das mit jedem gemeinsamen Spielen größer werde.
Dass Musik mehr als nur unterhalten kann, beweisen die Jazz Rockets ihrem geliebten Bremerhavener Publikum erneut. Sie kann Emotionen wecken, Erinnerungen hervorrufen und Menschen jeden Alters und jeder Herkunft verbinden. Um 1 Uhr morgens ist auch der letzte Ton im nächtlichen Café de Fiets verstummt. Übrig bleiben leere Gläser und ein paar müde Musiker. „Heute lag was Besonderes in der Luft. Ein denkwürdiger Abend…“, murmelt Marita und wischt beseelt über ihren Ladentresen.